Interview mit René Hübscher, Führungsexperte mit über 40 Jahren Erfahrung
Interview
Herr Hübscher, wenn Sie auf Ihre langjährige Führungserfahrung zurückblicken: Was bedeutet Coaching für Sie persönlich?
René Hübscher:
Wenn ich ehrlich bin, habe ich Coaching nicht von Anfang an verstanden. In meinen ersten Jahren als Führungskraft war ich überzeugt, dass ich vor allem Antworten liefern muss. Ich dachte: Eine gute Führungskraft erkennt Probleme schneller als andere – und löst sie auch. Heute weiss ich: Genau das war oft mein grösster Denkfehler.
Für mich bedeutet Coaching heute, bewusst einen Schritt zurückzutreten. Nicht, weil ich keine Lösung hätte – sondern weil ich weiss, dass meine Lösung selten die beste für den Mitarbeitenden ist. Coaching heisst für mich, Menschen so zu begleiten, dass sie ihre eigenen Antworten finden. Und das ist ein völlig anderes Führungsverständnis.
Gab es einen Moment, der Ihre Sicht auf Coaching besonders geprägt hat?
René Hübscher:
Ja, den gab es tatsächlich. Ich erinnere mich gut an einen Mitarbeitenden, der immer wieder mit ähnlichen Problemen zu mir kam. Jedes Mal habe ich ihm gesagt, wie er es besser machen kann. Kurzfristig hat das funktioniert – aber das Problem kam immer wieder zurück. Irgendwann habe ich bewusst nichts mehr vorgegeben, sondern angefangen zu fragen: „Was denken Sie selbst – was wäre ein sinnvoller nächster Schritt?“
Zuerst war er irritiert. Dann hat er nachgedacht. Und plötzlich kamen Lösungen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Das war für mich ein Schlüsselmoment. Ich habe realisiert: Entwicklung entsteht nicht durch meine Antworten, sondern durch die Denkprozesse des Mitarbeitenden.
Was unterscheidet aus Ihrer Sicht eine wirklich wirksame coachende Führungskraft?
René Hübscher:
Es ist weniger eine Technik als eine Haltung. Eine coachende Führungskraft vertraut darauf, dass Mitarbeitende grundsätzlich fähig sind, Lösungen zu entwickeln. Das klingt einfach – ist aber anspruchsvoll. Denn es bedeutet auch, Kontrolle abzugeben. Eine wirksame Führungskraft:
- hört wirklich zu, ohne sofort zu bewerten
- hält Stille aus
- stellt Fragen, die zum Denken anregen
- und vertraut dem Prozess
Ich sage oft: Die Qualität der Führung zeigt sich in der Qualität der Fragen.
Viele Führungskräfte haben das Gefühl, für Coaching keine Zeit zu haben. Wie sehen Sie das?
René Hübscher:
Das höre ich sehr oft – und ich verstehe es auch. Der Alltag ist dicht, der Druck hoch. Aber meine Erfahrung ist klar: Wer nicht coacht, investiert später deutlich mehr Zeit. Wenn Führungskräfte ihren Mitarbeitenden immer wieder Lösungen vorgeben, schaffen sie Abhängigkeit. Sie werden zur „Dauer-Anlaufstelle“ für Probleme. Coaching durchbricht genau dieses Muster. Am Anfang braucht es etwas mehr Zeit. Aber mittelfristig gewinnen sie enorm – weil ihre Mitarbeitende selbstständiger werden und weniger Rückfragen entstehen.
Welche konkreten Coaching-Methoden setzen Sie im Führungsalltag ein?
René Hübscher:
Ich arbeite sehr bewusst mit einfachen, aber wirkungsvollen Elementen:
- Offene Fragen, die nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden können
- Spiegeln, also das Gesagte in eigenen Worten wiedergeben
- Fokussierung auf das Ziel, nicht nur auf das Problem
- Bewusstes Innehalten, um Raum für Denken zu geben
Ein Beispiel aus der Praxis: Statt zu sagen „Machen Sie es so…“, frage ich: „Welche Optionen sehen Sie – und welche davon erscheint Ihnen am sinnvollsten?“
Das verändert die Gesprächsdynamik sofort.
Wo scheitern Führungskräfte Ihrer Erfahrung nach am häufigsten beim Coaching?
René Hübscher:
Ganz klar: am eigenen Anspruch, hilfreich sein zu wollen. Viele Führungskräfte springen zu schnell in die Lösungsrolle. Das ist menschlich – aber im Coaching kontraproduktiv. Ein weiterer Punkt ist Ungeduld. Coaching braucht Vertrauen und Zeit. Es ist kein „Quick Fix“. Und oft fehlt die Klarheit über das Ziel des Gesprächs. Ohne Ziel bleibt Coaching beliebig.
Wie kann eine Führungskraft konkret beginnen, Coaching stärker zu integrieren?
René Hübscher:
Der Einstieg ist einfacher, als viele denken. Ich empfehle drei Dinge:
- Bewusst weniger sagen
- Mehr fragen als erklären
- Nach jedem Gespräch reflektieren: Wer hat mehr gesprochen – ich oder der Mitarbeitende?
Allein diese drei Punkte verändern bereits sehr viel.
Sie geben Ihr Wissen auch in Seminaren weiter. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
René Hübscher:
Mir ist entscheidend, dass Coaching nicht nur verstanden, sondern erlebt wird. In unseren Seminaren arbeiten wir deshalb sehr praxisnah. Die Teilnehmenden bringen eigene Führungssituationen ein, üben konkrete Gespräche und erhalten direkt Feedback. Es geht nicht um Theorie – sondern um echte Umsetzung im Alltag.
👉 Mehr Informationen zum Seminar:
https://zentrum-eb.ch/coaching/
Fazit: Coaching beginnt bei der Haltung der Führungskraft
Coaching ist kein Werkzeugkasten, den man einfach anwendet. Es ist eine Haltung, die Führung grundlegend verändert. Wer bereit ist, Kontrolle abzugeben, Fragen zu stellen und Entwicklung zuzulassen, wird erleben: Mitarbeitende wachsen – und mit ihnen die gesamte Organisation.
Interview: Sabine Roth